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Teilleistungsstörungen und Lerntherapie

Diagnostik per 05.02.2014

Die Diagnose Teilleistungsstörung kann erst gestellt werden, wenn die Kinder in der Schule angemessen lange das Lesen, Schreiben oder Rechnen erlernt haben.
Häufig gehen umschriebenen Entwicklungsstörungen des Lesens und Schreibens Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus. Beim Rechnen stellt man häufig fest, dass pränumerische Fähigkeiten schon vor der Einschulung nicht weit genug entwickelt waren. Aber nicht alle Kinder, die vor der Einschulung Probleme in einem Bereich hatten, entwickeln eine Teilleistungsstörung.

Allein die Tatsache, dass Teilleistungsstörungen in die Klassifikation der WHO aufgenommen worden sind, zeigt, dass die Diagnose nur von Psychiatern, Psychotherapeuten, Psychologen oder besonders geschulten Pädagogen durchgeführt werden sollte. Rechtlich gesehen (laut Heilpraktikergesetz) stellt die Beratung in sozialen Konflikten (zum Beispiel Eheberatung, Familienberatung, Erziehungsberatung oder schulpsychologischer Dienst u. ä.) keine Ausübung von Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes dar. Sie darf dadurch auch von Personen durchgeführt werden, die keine Kenntnisse in Psychologie besitzen. Aus diesem Grund gibt es eine Vielzahl von Anbietern (Institute, Franchise Unternehmen, Einzelpersonen) die auf dem Gebiet der Teilleistungsstörungen Diagnose und Lerntherapie anbieten dürfen.
Es bleibt dem Verbraucher überlassen, sich im Einzelfall nach der Qualifikation des Therapeuten zu erkundigen und ein Urteil zu bilden. Schwierig ist es insofern für die Eltern eines betroffenen Kindes/Jugendlichen, weil zahlreiche Weiterbildungsinstitute und Verbände Fortbildungen bzw. Diplome zum Lerntherapeuten/integrativen Lerntherapeuten/klinischen Lerntherapeuten/Legasthenietrainer usw. anbieten und aus wirtschaftlichen Gründen Personen zertifizieren, die nicht einmal ein Studium an einer anerkannten staatlichen Hochschule erfolgreich absolviert haben. Der Verbraucher muss sehr intensiv recherchieren, welche wirkliche Qualifikation sich hinter dem Diplom/Zertifikat des Fortbildungsinstitutes verbirgt. Eltern, die sich Sorgen um ihr Kind und dessen schulische Laufbahn machen sind in dieser Krisensituation zumeist nicht in der Lage so intensiv zu recherchieren und sind überzeugend auftretenden Personen in gewissem Maße durch die momentan erlebte Hilflosigkeit ausgeliefert.

Eine besondere Problematik ist die Durchführung der Diagnose durch Personen/Institute, die zugleich auch Lerntherapie anbieten. Dies birgt gegebenenfalls die Gefahr in sich, dass bei einem Kind eine Teilleistungsstörung diagnostiziert wird, um dieses als Kunden zu gewinnen. Zum Schutz hiervor sind Mitglieder des BDP durch ihren Ehrenkodex verpflichtet, eine sachlich richtige Diagnose zu stellen und zwar unabhängig vom eigenen wirtschaftlichen Vor- oder Nachteil. Insofern schützt dieser Ehrenkodex Eltern und Kinder vor Diagnosen, die auf Erzielung wirtschaftlicher Vorteilsnahme beruhen.

Verfahren zur Feststellung einer Teilleistungsschwäche
Nach der multiaxialen Diagnostik sollten zur Diagnose folgende Untersuchungsbereiche abgeklärt werden:

1) Bereich, in dem die Teilleistungsstörung vermutet wird, sowie Sprache, Motorik
2) Intelligenzniveau
3) psychische Gesundheit
4) körperliche Gesundheit
5) psychosoziales Lebensmilieu
6) psychosoziale Anpassung und Eingliederung.

Konkret bedeutet dies, dass zur Feststellung einer Teilleistungsschwäche eine Intelligenzdiagnostik durchgeführt werden muss, sowie eine Diagnostik in dem Bereich, in dem die Teilleistungsschwäche vermutet wird. Dazu gehört aber auch eine umfassende Anamnese, die die gesamte bisherige Entwicklung des Kindes, einschließlich der momentanen Bedingungen in Schule und Elternhaus erfasst.

Eine Teilleistungsstörung liegt nur vor, wenn zwischen Intelligenz und Leistungen im entsprechenden Bereich eine nicht unerhebliche Diskrepanz besteht, sonst handelt es sich um Lernprobleme aufgrund einer allgemeinen Intelligenzminderung oder unangemessenen Beschulung. Die Anamnese fördert auch zu Tage, ob die Probleme auf mangelnde Lernstrukturen zurückzuführen sind oder im Zusammenhang mit basalen oder sozio-emotionalen Defiziten stehen. Die Diagnose darf sich niemals allein auf Fragebogenverfahren stützen, die Beobachtungen des Therapeuten und die Erzählungen von Kind und Eltern sind ebenso bedeutsam.

Zur Abklärung von visuellen oder auditiven Wahrnehmungsproblemen, die auch organisch bedingt sein können, empfiehlt sich in den meisten Fällen vorab die Konsultation eines Augenarztes und/oder eines Pädaudiologen. Bei dem Verdacht auf bestimmte komorbide Störungen sollte die Vorstellung beim Kinder- und Jugendpsychiater erwogen werden. Äußern Kinder/Jugendliche körperliche Beschwerden (z.B. Bauch- und Kopfschmerzen) muss eine kinderärztliche Untersuchung stattfinden - der simple Rückschluss, es könne sich um psychosomatische Beschwerden infolge einer Teilleistungsstörung handeln, ist ohne medizinische Abklärung in keiner Weise zu rechtfertigen!

Überblick über das diagnostische Vorgehen bei Verdacht auf Teilleistungsstörungen (neben oder nach medizinischer Abklärung!)

standardisierte Testverfahren informelle Verfahren
Intelligenztest + Lesetest +/oder
Rechtschreibtest
Fragen/Fragebogen zur Entwicklung des Kindes
Intelligenztest + DyskalkulietestFragen/Fragebogen zur aktuell erlebten Situation im Elternhaus und in der Schule
Zum Teil in Verbindung mit Tests zur Erfassung von:
- Aufmerksamkeit/Konzentration
- Lern- und Leistungsmotivation
- schulischem Arbeitsverhalten
- schulischem Selbstkonzept
- Schulangst

Fehleranalyse anhand von Hausaufgaben und Schulleitungstests/Klassenarbeiten

Sozio-emotionale Beobachtung des Kindes bei der Durchführung von Tests und im Gespräch

bei jüngeren Kindern manchmal:
Tests zur Ermittlung des generellen Entwicklungsstandes

Beobachtung der fein- und grobmotorischen Entwicklung

manchmal bei Grundschulkindern mit Verdacht auf LRS:
BAKO 1-4 (Basiskompetenzen für Lese- Rechtschreibleistungen), mit diesem Test kann jeweils gegen Ende der ersten bis vierten Klasse die altersgemäße phonologische Bewusstheit erfasst werden.

Beobachtung der sprachlichen Entwicklung: Aussprache, Wortschatz, Grammatik

Einholen von Informationen bei Lehrern, Logopäden, Ergotherapeuten. o.ä. zur Entwicklung des Kindes und aktuellen Problemen

Welche Verfahren bei dem einzelnen Kind/Jugendlichen eingesetzt werden, richtet sich nach der Problematik. Jedes Testverfahren hat Besonderheiten, bietet Vor- und Nachteile, aus diesem Grund muss vorab ein Gespräch mit den Eltern stattfinden. In vielen Fällen macht es auch Sinn, Untertests aus bestimmten standardisierten Verfahren einzusetzen.
Der erfahrene Psychologe / Psychiater / Psychotherapeut / besonders geschulte Pädagoge wird nur die standardisierten Verfahren einsetzen, die teststatistisch überprüft worden sind und die Testgütekriterien hinreichend erfüllen. Er oder sie kann aufgrund vorliegender Kompetenzen die Testergebnisse richtig interpretieren

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