Flexiblere Optionen für die Behandlung von Menschen mit Schizophrenie
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat zusammen mit anderen Fachgesellschaften und Organisationen die S3 Leitlinie Schizophrenie aktualisiert. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-009
Die aktuelle Version ist das Ergebnis eines umfassenden Revisionsprozesses, der die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erfahrungen von Betroffenen und Angehörigen
Berücksichtigt und markiert einen wichtigen Schritt in der Versorgung: sie erweitert die medikamentösen, psychotherapeutischen und psychosozialen Möglichkeiten und eröffnet damit neue Perspektiven für Betroffene.
Die neue Leitlinie umfasst 154 Empfehlungen zu Diagnostik und Behandlung. Vier Empfehlungen wurden neu hinzugefügt, 145 wurden nach Überprüfung aktualisiert. An der Arbeit haben sich 41 Fachgesellschaften, Verbänden sowie Angehörigen- und Betroffenen-Organisationen beteiligt.
Der BDP wurde von Inge Neiser (Sektion Klinische Psychologie) und Dr. Johanna Thünker (Sektion VPP) vertreten.
Die aktualisierte Leitlinie empfiehlt für eine wirksame Behandlung einen ganzheitlichen Behandlungsansatz, wobei die Kombination von Antipsychotika, kognitiver Verhaltenstherapie, weiteren psychotherapeutischen Verfahren sowie psychosozialen Interventionen von zentraler Bedeutung ist.
Wesentliche Neuerungen der Leitlinie
Individualisierte Pharmakotherapie
Mit den neuen Empfehlungen werden die Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten, die auf eine Einzelmedikation nicht ausreichend ansprechen, erweitert.
Neue Psychotherapien
Die Leitlinie stärkt den Stellenwert der Psychotherapie in der Behandlung der Schizophrenien. Neu aufgenommen wurden unter anderem traumafokussierte Verfahren, die Patientinnen und Patienten mit komorbider Posttraumatischer Belastungsstörung wirksam unterstützen können, sowie moderne Verfahren der achtsamkeitsbasierten Psychotherapie. Zudem wurden erstmalig digitale Ansätze wie die Avatar-T Therapie zur Behandlung von auditiven Halluzinationen in die Empfehlungen aufgenommen, auch wenn die Evidenz hier noch begrenzt ist.
Psychosoziale Interventionen
Neben Psychotherapie und Pharmakotherapie betont die Leitlinie auch die Wichtigkeit psychosozialer Interventionen. Dazu zählen unter anderem Bewegungstherapien und die konsequente Einbindung der Angehörigen.
Die besondere Problematik des gleichzeitigen Drogen- oder Alkoholkonsums wird in der Leitlinie nicht mehr im Detail behandelt. Hierzu wird derzeit eine separate S3-Leitlinie erarbeitet, die der DGPPN zufolge voraussichtlich Ende des Jahres erscheint.
Schizophrenien gehören zu den besonders schweren psychischen Erkrankungen. Etwa ein Prozent der Bevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens daran. Die Erkrankung geht mit erheblichem persönlichem Leid und einem hohen Risiko für soziale und berufliche Beeinträchtigungen einher; Menschen mit einer Schizophrenie sterben durchschnittlich 15–20 Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung. Ohne eine Behandlung steigt das Risiko, dass Betroffene sich selbst gefährden und auch die Wahrscheinlichkeit für Gewalttaten ist erhöht – insbesondere, wenn zusätzlich Substanzen wie Alkohol oder Drogen konsumiert werden.
Daher ist eine frühzeitige Erkennung und eine konsequente leitliniengerechte Behandlung von Menschen mit Schizophrenie wichtig, damit Komplikationen und das Leid für die Betroffenen selbst und für andere minimiert werden können.
Links und Downloads
• S3-Leitlinie Schizophrenie– Living Guideline Leitlinien-Details- die Leitlinie auf MAGICApp 15.10.25
• S3-Leitlinie Schizophrenie AWMF-Reg.-Nr. 038 – 0095 die Leitlinie Schizophrenie auf der Website der AWMF | 15.10.25
Inge Neiser
Dr. Johanna Thünker
Überblick +Zusammenfassung:
Hauptinhalte der Leitlinie
• Flexiblere Pharmakotherapie:
Bietet in bestimmten Fällen auch Kombinationstherapien an, wo zuvor meist eine Monotherapie empfohlen wurde.
• Stärkung der Psychotherapie:
Neue psychotherapeutische Verfahren wie traumafokussierte und achtsamkeitsbasierte Ansätze wurden aufgenommen. Zudem werden digitale Ansätze wie die Avatar-Therapie für auditive Halluzinationen erstmals empfohlen.
• Ganzheitlicher Ansatz:
Betont die Wichtigkeit psychosozialer Interventionen, wie Bewegungstherapien und die konsequente Einbindung von Angehörigen.
• Verbesserte Versorgungskoordination:
Gibt Empfehlungen zur Verbesserung der Koordination zwischen den verschiedenen Leistungserbringern und Phasen der Erkrankung, einschließlich einer angemessenen Personalausstattung.
• Zielgruppe:
Richtet sich an alle im Bereich der Versorgung von Menschen mit Schizophrenie tätigen Berufsgruppen und umfasst spezifische Abschnitte für Kinder und Jugendliche sowie für ältere Menschen.
• «Living Guideline»:
Die Leitlinie wird als «Living Guideline» auf der MAGICapp veröffentlicht, um zukünftige Aktualisierungen zeitnah zu ermöglichen.
Aktueller Stand
• Die aktualisierte Fassung der S3-Leitlinie wurde am 15. Oktober 2025 veröffentlicht.