Auch im Jahr 2024 tagte die Fachgruppe Geistige Behinderung zweimal in Ebsdorfergrund bei Marburg. Beide Veranstaltungen fanden wieder hybrid statt, d.h. jeweils 13-14 Psycholog:innen und Psychologische Psychotherapeut:innen nahmen in Präsenz und 6-8 Psycholog:innen und Psychologische Psychotherapeut:innen online teil. Die aus verschiedenen Bundesländern kommenden Teilnehmer:innen diskutierten über Aspekte ihrer psychologischen Tätigkeit aus der Arbeit mit lern- und geistig behinderten Menschen.
Die 77. Arbeitstagung am 8./9. März 2024 beschäftigte sich mit dem Thema „Begleitete Elternschaft aus psychologischer Sicht“. Frau Dipl.-Psych. Sabine Obermann (Bodelschwinghsche Stiftung Bethel) differenzierte zunächst zwischen begleiteter Elternschaft (Unterstützungsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung) und Elternassistenz (Unterstützungsangebote für Menschen mit körperlicher und Sinnesbehinderung). Die Unterstützungsangebote beziehen sich auf ambulante und stationäre Unterstützung sowie Wohnen in Gastfamilien. Nach einem Exkurs in rechtliche Rahmenbedingungen wurden die Einflussfaktoren auf die Versorgung und Förderung von Kindern erläutert, wie elterliche Kompetenz, Lebens- und Familiengeschichte sowie Unterstützung und Ressourcen. Unter Berücksichtigung von Risikofaktoren wie junges Alter, psychische Erkrankungen, eigene Traumatisierung u.a.m. sind die Ziele für elterliches Verhalten, die Gesundheit und das psychische Überleben des Kindes, gute Bedingungen zu schaffen für das erfolgreiche Durchlaufen verschiedener Entwicklungsstufen sowie für die Vermittlung von kulturellen und gesellschaftlichen Normen und Werten. Des weiteren beschrieb Frau Obermann Probleme, die trotz Unterstützungen auftreten können, wie geringe Frustrationstoleranz, Probleme mit der Impulskontrolle, geringe Ausdauer u.a.m.
In der Diskussion wurden die erwähnten Schwierigkeiten bestätigt und rechtliche Probleme besprochen.
Auf der 78. Arbeitstagung am 25./26. Oktober 2024 setzte sich der Arbeitskreis mit dem Thema „Menschen mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) verstehen und kompetent begleiten – psychosoziale Folgen und therapeutische Zugänge“ auseinander. Frau Dipl.-Psych. Gela Becker (FASD-Fachzentrum in Berlin-Spandau) wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass das FASD den gesamten Körper betrifft und somit die Lebenserwartung bei diesen Personen eher gering ist. Der IQ ist bei der Diagnostik wenig aussagekräftig, weil Teilhabestörungen durch Testdiagnostik im Einzelsetting nicht erfassbar sind. Aus diesem Grund ist es ratsam, körperliche Symptome (wie Minderwuchs/Untergewicht), kraniofaziale Dysmorphien (Strukturauffälligkeiten im Bereich Kopf und Gesicht), ZNS-Dysfunktionen und die PAE (pränatale Alkoholexposition) bei der Diagnostik zu berücksichtigen. Bei Menschen mit FASD besteht u.a. eine große Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung hinsichtlich der Wahrnehmung und Darstellung des eigenen Hilfebedarfs. Deshalb sind bei der Diagnostik und Betreuung die exekutiven Funktionen wie Planen (Analyse der Umgebung, Sequenzierung u.a.m.) und Handeln (Flexibilität, Beachten von Regeln, Aufmerksamkeit) von besonderer Bedeutung.
Abschließend wurde über diagnostische Kriterien, Therapiefehler und -hürden (z.B. eingeschränktes Sprachverständnis oder Gedächtnisstörungen) sowie eigene Erfahrungen mit dem Klientel diskutiert.
Weiterhin fand wieder ein bundesländerübergreifender kollegialer Austausch unter den Teilnehmerinnen statt. Dieser Austausch wird immer wieder sehr geschätzt, da damit Unterstützung für die eigene Tätigkeit erfahren wird und gleichzeitig Einblicke in die Tätigkeiten in anderen Bundesländern stattfinden. Die überregionale Vernetzung wurde durch die Teilnahme einzelner Kolleginnen an Tagungen der „Deutschen Gesellschaft für Seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung e.V.“ (DGSGB), am Arbeitskreis „Psycholog:innen in der WfbM“ sowie an weiteren überregionalen Fachtagungen gewährleistet.
Detlev Hirsch, Fachgruppenleitung