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Klinische Psychologen in der Psychiatrie
Stand 08-2010
Die Fachgruppe Klinische Psychologinnen und Psychologen in der Psychiatrie
veranstaltet im Vergleich zu anderen Fachgruppen nur selten eigene Mitgliederversammlungen,
da sich dies in der Vergangenheit als wenig produktiv erwiesen hat. Sie
hat auch keinen mehrköpfigen Vorstand, sondern nur einen Leiter,
der fallweise in Kooperation mit einigen aktiven Mitgliedern die anstehenden
Aktionen plant und durchführt. Die meisten der ca. 1.300 DiplompsychologInnen,
die in psychiatrischen Klinken in Deutschland angestellt sind, sowie schätzungsweise
200 -300 weitere KollegInnen, die in komplementären Einrichtungen
beschäftigt sind, sind offenbar im Umfeld ihres Wirkungsbereichs
engagiert; in vier Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern,
Niedersachsen und Westfalen-Lippe) gibt es eigene Vereine von in der Psychiatrie
(bzw. in Kliniken) tätigen PsychologInnen. Statt des zweifelhaften
Versuchs, in Konkurrenz zu diesen örtlichen Bindungen überregionale
Mitglieder-versammlungen unserer Fachgruppe mit lohnender Teilnehmerzahl
zu organisieren, hat der Leiter der FG in den vergangenen vier Jahren
versucht:
- Kontakte zwischen den bereits existierenden Gruppierungen auf- und
auszubauen
- ebenso Kontakte zu anderen Organisationen zu knüpfen, die Ansprechpartner
oder Bundesgenossen für die Anliegen der PsychologInnen in der
Psychiatrie sein können (Deutsche Gesellschaft für Soziale
Psychiatrie, Aktion Psychisch Kranke, Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener,
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker)
- inhaltliche Konzepte zu entwickeln zum Beitrag der Psychologie und
der PsychologInnen auf der Arbeitsfeld der Psychiatrie
Um mit Letzterem zu beginnen: Obwohl DiplompsychologInnen sich vielerorts
im Sinne der Psychiatriereform engagiert haben - sei es innerhalb der
Kliniken, sei es beim Aufbau des "gemeindepsychiatrischen Verbunds"
- sind sie als Berufsgruppe bisher wenig in Erscheinung getreten, mit
dem Erfolg dass sie z.B. in der "Personalbedarfsverordnung Psychiatrie"
(PsychPV, 1991, für den stationären Bereich) oder bei den entsprechenden
Entwürfen der Aktion Psychisch Kranke für den komplementären
Bereich nicht adäquat berücksichtigt wurden (die Tendenz anderer
Berufsgruppen, uns auszugrenzen, kam sicherlich erschwerend hinzu).
In dieser Situation
erschien es vordringlich, die Vorstellungen und Forderungen der Psychologenschaft
zur Psychiatriereform zu formulieren und an die Öffentlichkeit zu
bringen. Dies ist geschehen durch unser Thesenpapier: Psychologische
Leitsätze zur Fortentwicklung des psychiatrischen Hilfesystems in
der BRD, das als offzielle Stellungnahme des BDP auf der Delegiertenkonferenz
2/98 endgültig verabschiedet wurde.
Zu den Hauptforderungen der Psychologenschaft gehört natürlich,
dass das Schwergewicht der Behandlung von Menschen mit psychischen Störungen
psychologischer Art sein muss: "Psychische Erkrankungen sind primär
Störungen des Erlebens und Verhaltens... Sie bedürfen generell
einer psychologischen Betrachtungs- und Behandlungsweise... Jede(r) psychisch
Kranke hat Anspruch auf eine psychologisch orientierte Behandlung"
(Leitsätze, A.2., Seite 3).
Glücklicherweise gibt es in den vergangenen Jahren eine zunehmende
Zahl von Veröffentlichungen und Veranstaltungen zu Möglichkeiten
und Bedeutung psychotherapeutischer Ansätze bei der Behandlung schwerer
psychischer Störungen (also im klassischen Bereich der Psychiatrie),
speziell zur Psychotherapie der Psychosen. Zu diesem Thema hat der Leiter
der Fachgruppe auf dem 4. Deutschen Psychologentag in Würzburg (3.10.1997)
ein Symposium veranstaltet, auf dem Vertreter unterschiedlicher Therapieschulen,
Forscher und Praktiker und auch Betroffene zu Wort kamen. Sämtliche
Beiträge dieser spannenden Veranstaltung samt den Diskussionen sind
kürzlich in Buchform erschienen (M. Urban, Hrsg.: Psychotherapie
der Psychosen - Konzentrische Annäherungen an den Weg der Heilung.
Pabst Science Publishers, Lengerich 2000. ISBN 3-931660-82-6; Preis: 30,--
DM, für BDP-Mitglieder 20,-- DM.).
Im Rahmen der genannten Veranstaltung kam auch der Vertreter der DGSP,
Nils Greve (Arzt und Diplom-Psychologe) zu Wort, der dort einen "Fachausschuss
Psychotherapie" gegründet hat und leitet. Mit diesem Fachausschuss
hat sich mittlerweile eine enge Zusammenarbeit ergeben; Kolleginnen und
Kollegen, die am Thema "Psychotherapie in der Psychiatrie" interessiert
sind, sind herzlich eingeladen, auch in diesem Forum mitzuarbeiten. Gemeinsam
haben wir die Impulse gegeben zu einer Fachtagung Psychoanalyse und Sozialpsychiatrie,
die am 17.-18.3.2000 an der Medizinischen Fachhochschule Hannover stattfand.
Während Verhaltenstherapie und Systemische Psychoherapie in der Psychiatrie
wenigstens mancherorts relativ gut Fuß gefasst haben, scheint die
Psychoanalyse hier weithin aussen vor zu stehen; zumal ihre Bedeutung
oder Anwendungsmöglichkeit in der ausserklinischen Gemeindepsychiatrie
erscheint auf den ersten Blick wenig greifbar. Daher sahen wir gerade
für diese Therapierichtung besonderen Handlungsbedarf.
Die Einladung zu unserer
Fachtagung stieß auf ein erfreulich starkes Echo, sowohl bei den
angefragten Referenten (u.a. Prof. S. Mentzos, Frankfurt) als auch beim
angesprochenen Fachpublikum: Es kamen etwa 200 Teilnehmer zur Tagung,
in deren Plenarvorträgen und 13 (!) Arbeitskreisen vielfältige
Aspekte des angeschnittenen Themenkomplexes erörtert wurden. Man
war sich einig, dass Folgeveranstaltungen dringend erwünscht und
notwendig sind.
Unser Arbeitskreis wird sich weiter dabei engagieren, freilich zugleich
auch in Richtung eines schulenübergreifenden Ansatzes. Auch hierfür
ist eine Fachtagung in Planung.
Als eine weitere Plattform, auf der die Möglichkeiten psychotherapeutischer
Arbeit in der Psychiatrie dargestellt und verbreitet werden können,
ergab sich die Mitwirkung an der Programmgestaltung des Forum Rehabilitation,
das als jährlich wiederkehrender, jeweils drei Tage dauernder Kongress
im Mai 2000 zum sechsten Mal im Kongresszentrum Hamburg stattfand. Von
der Kongressleitung (Prof. M. Stark, Hamburg) war der BDP ausdrücklich
um seine Mitarbeit gebeten worden, woraufhin der Leiter der Fachgruppe
als offizieller Vertreter des BDP in die Planungsgruppe entsandt wurde.
Trotz sicher noch mancher Schwächen kann man doch wohl sagen, dass
dies der regelmäßig in Deutschland stattfindende Psychiatriekongress
ist, der am konsequentesten - neben den biologischen und soziologischen
- die psychologisch-psychotherapeutischen Ansätze darstellt und verbreitet.
Das ist eine Plattform, die angesichts der hohen Teilnehmerzahl (jährlich
knapp eintausend) aus allen Berufsgruppen zweifellos eine große
Chance zur allgemeinen Bewusstseins- und Klimaveränderung in der
Psychiatrie darstellt - zumal dieser Kongress durchaus auch ein Politikum
ist (dieses Jahr fand hier z.B. die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes
an Prof. Klaus Dörner durch die Bundesgesundheitsministerin Andrea
Fischer statt). Ich möchte an dieser Stelle alle Kolleginnen und
Kollegen aus dem psychiatrischen Arbeitsfeld ermuntern, durch aktive Teilnahme,
womöglich auch durch eigene Beiträge (Vorträge, Arbeitsgruppen,
Posterdarstellungen oder Fortbildungsangebote) die Präsenz der Psychologenschaft
und die Darstellung unserer Kompetenzen und Anliegen zu verstärken.
Ein spezieller Themenbereich, in dem psychologisches Denken verstärkt
und systematisch eingebracht werden muss, ist die Prävention. Der
Fachgruppenleiter hat in diesem Jahr erstmals ein Seminar zu diesem Thema
veranstaltet, mit sechs Referaten verschiedener Fachvertreter, in denen
gegenüber einer einseitig biologischen Sichtweise die Bedeutung psychologischer
Faktoren für die Entwicklung schwerer psychischer Störungen
(auch der Psychosen) herausgestellt wurde. Für das kommende Jahr
ist eine Folgeveranstaltung geplant, in der u.a. Störungen des Bindungsverhaltens
sowie der Identitätsentwicklung in diesem Zusammenhang dargestellt
werden sollen; ferner werden im Blick auf die Praxis die Schwierigkeiten
der Zusammenarbeit zwischen psychiatrischen und nicht-psychiatrischen
Institutionen (z.B. Jugendamt, Schule, Beratungsstellen) erörtert.
Thema einer kleinen Arbeitsgruppe - unter Beteiligung der VPP-Vorsitzenden,
Frau Dr. Helga Schäfer, - war auf dem diesjährigen Kongress
auch die Einbeziehung der niedergelassenen Psycho-therapeuten in das Netz
psychiatrischer Hilfen, näherhin die psychotherapeutische Betreuung
psychiatrischer Patienten nach der Entlassung aus der Klinik. Diese müsste
aus psychologischer Sicht genauso selbstverständlich und obligatorisch
sein wie die medikamentöse Weiterbehandlung durch den niedergelassenen
Nervenarzt. Ein Blick auf die Praxis (weit unter 10 % der Betroffenen
erhalten eine solche Nachsorge!) verdeutlicht die revolutionäre Potenz
des psychologischen Ansatzes für das bestehende psychiatrische System.
Hier liegt für die niedergelassenen, psychotherapeutische tätigen
KollegInnen eine große Aufgabe, die wir gemeinsam mit der Sektion
VPP bewusster machen, und für die wir künftig auch eigene Fortbildungen
anbieten wollen.
Zwei Dinge sind es, die nach unserer Überzeugung die Psychiatrie
in einem humanistischen Sinne revolutionieren können: einerseits
die Verstärkung des psychologisch-psychotherapeutischen Ansatzes,
andererseits die aktive und gleichberechtigte Einbeziehung der Betroffenen.
Seit der Gründung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener (1991/92)
ist eine Menge geschehen, von der Einführung der Psychose-Seminare
bis zur Vertretung dieses Verbandes in nahezu allen psychiatriepolitischen
Gremien, was einen allmählichen Klimawandel in Sachen Psychiatrie
anzukündigen scheint. Eine Hauptforderung des Verbandes lautet: "Wir
fordern weniger Psychopharmaka und mehr Psychotherapien und ihre Bezahlung
durch die Krankenkassen! Depressionen und Psychosen sind nicht medikamentös
zu unterdrücken, sondern in ihrer Bedeutung wahrzunehmen und vermehrt
in Gesprächen u.a. aufzuarbeiten." Damit sind die "Psychiatrie-Erfahrenen"
- also ehemals psychisch Kranke, die ihren Platz im Leben wieder gefunden
haben, und unter denen sich bemerkenswerte Persönlichkeiten finden
- unsere natürlichen Verbündeten. "Gemeinsam mit den Psychologen
werden wir die Psychiatrie verändern", schreibt Dorothea Buck,
die Ehrenvorsitzende des Vereins, im Geleitwort zu dem o.g. Buch "Psychotherapie
der Psychosen" (S. 10).
Das zukunftsweisende Stichwort heisst Trialog. Damit ist der gleichberechtigte
"Dialog zu dritt" gemeint, zwischen den von psychischer Krankheit
Betroffenen, ihren Angehörigen und den professionellen Helfern. Die
Psychose-Seminare sind nur eine spezielle Form, in der dieser Austausch
stattfinden kann. Anzustreben ist eine verantwortliche Mitsprache und
aktive Beteiligung der Betroffenen und ihrer Angehörigen in allen
Bereichen, in denen die Interessen und Rechte psychisch Kranker berührt
werden. Das etwa war der Themenkreis einer Tagung in Schwerin ("Lebenswelten",
7.-9.7.2000), die anlässlich des zehnjährigen Bestehens der
Psychose-Seminare vom Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen gemeinsam
mit den Bundesverbänden der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen
psychisch Kranker veranstaltet wurde. Unter den ca. 200 Teilnehmern waren
die "Profis" das am schwächsten besetzte "Drittel"
des Trialogs, und die Psychologen waren hierunter - nächst den Ärzten
- die zahlenmäßig am schlechtesten vertretene Untergruppe.
Schade, denn erstens gab es hier auch für "alte Hasen"
sehr viel zu lernen, und zweitens stellt die Kontaktnahme zu den Gruppen
der Betroffenen für uns PsychologInnen in der Psychiatrie eine vordringliche
Aufgabe dar - wie aus dem oben Gesagten wohl deutlich geworden sein dürfte.
Der Leiter der Fachgruppe möchte alle Kolleginnen und Kollegen aus
dem Arbeitsfeld Psychiatrie ermuntern, mit ihm Kontakt aufzunehmen, die
Fragen oder Ideen haben, vielleicht auch in irgend einer Weise persönlich
aktiv werden möchten. So meldete sich z.B. kürzlich ein Kollege,
der sich für eine bessere Darstellung psychologischer Konzepte für
die Psychiatrie im Internet einsetzen möchte. Sicher eine sehr wichtige
Aktion, wenn man betrachtet, wie professionell biologisch orientierte
Psychiater ihre Vorstellungen dort vertreten. "Es gibt viel zu tun,
packen wir's an!"
Martin Urban, Kesselwasen 16, 73728 Esslingen, Tel. + Fax 0711/459 88
48 Email
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